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Von roten Tanten und himmlischem Wasser


Als ich noch Lehrerin an einer Mittelschule war, habe ich die Mädels oft schamvoll flüstern gehört: „Ich habe Besuch von der roten Tante“, „Ich bin in der Erdbeerwoche“ oder schlicht „Ich habe meine Tage“, um das Tabuthema nicht beim Namen nennen zu müssen: die Menstruationsblutung. Es wird uns offenbar von klein auf vermittelt, dass die Periode etwas ist, worüber man nicht öffentlich spricht. Sich unter „Leidens“-Genossinnen auszutauschen, scheint das höchste der Gefühle zu sein. Warum eigentlich? Aus Scham für den eigenen Körper? Aus Angst, als "unrein" wahrgenommen zu werden? Aus reiner Gewohnheit? Warum fällt es uns Frauen so schwer, die Menstruationsblutung nicht als lästiges Übel zu sehen, sondern vielmehr als Wunderwerk der Natur? Denn genau das hätte der weibliche Zyklus verdient, der es möglich macht, neues Leben zu schenken.


Auch in der TCM gibt es eine euphemistische Bezeichnung für die Menstruationsblutung: hier wird sie „himmlisches Wasser“ genannt. Im Gegensatz zur „roten Tante“ gefällt mir dieser Ausdruck, denn mit ihm wird eine Verbindung des monatlichen Zyklus mit den Rhythmen des Mondes hergestellt: So wie der Mond Einfluss auf das Kommen und Gehen der Meere nimmt und dadurch Ebbe und Flut erzeugt, so kommt und geht auch das "himmlische Wasser" im Rhythmus der Mondphasen. Wusstest du, dass die Nomadenfrauen, die unter freiem Himmel leben, oft zeitgleich menstruieren? Man sagt, es sei die natürlichste Art zu menstruieren, wenn der Eisprung bei Vollmond und die Menstruation bei Neumond einsetzt. Für diese in tiefer Verbundenheit mit der Natur lebenden Frauen bedeutet das, dass sich der Mond kurz vor der Blutung verdunkelt, ehe er um die Zeit rund um den Eisprung die Nacht erhellt.

Wer sich bereits etwas mit der TCM und den Begriffen von Yin und Yang auseinandergesetzt hat, weiß, dass das Yin - die weibliche Kraft - der Nacht, dem Mond, der Stille sowie der Innenschau zugeordnet wird. In dieser Zeit also, der Zeit rund um die Periode, spüren viele Frauen eine Sehnsucht nach ebendieser Verdunkelung. Die Lebensenergie fließt nach innen und das Bedürfnis nach Entspannung, Ruhe und Langsamkeit steigt.

Ein Zeichen von Krankheit? Keinesfalls! Wohl eher eine Gabe, denn genau in dieser Phase vor Beginn der Menstruation können sich Frauen am stärksten mit ihrer weiblichen Energie und Intuition verbinden. Viele Mädchen und Frauen werden vor dem Eintreten der Blutung empfindsamer und ziehen sich zurück, um anschließend – zu Beginn der Follikelreifung – mit neuer, nach außen drängender Energie am Leben teilzunehmen.

Der gesunde weibliche Zyklus ist in der TCM nichts anderes als ein balanciertes Wechselspiel zwischen Yin und Yang.


Die großen Fragen jedoch, die sich die moderne Frau von heute stellen sollte, lauten:

  • Wie sehr gebe ich mich meinem Energiefluss hin und lasse mich von den rhythmischen Wellen tragen?

  • Nehme ich mich ernst genug, um mir die Pausen zu gönnen, die ich brauche, oder lasse ich mir von patriarchalischen Strukturen die permanente Funktionstüchtigkeit und Leistungsfähigkeit überstülpen?

Ich war schockiert, als ich im Buch von Christiane Northup „Frauenkörper – Frauenweisheit“ (das ich im Übrigen jeder Frau ans Herz legen möchte) folgenden Text eines Beipackzettels einer Tamponschachtel von 1963 zu lesen bekam:

"Es gibt eine alte Regel für ein gutes Eheleben, und die lautet: Nutzen Sie Ihren Ehemann nicht aus! Diese alte Regel ist heute so richtig wie früher. Natürlich bemühen auch Sie sich darum, sie einzuhalten, aber nicht alle Formen der Ausnutzung sind leicht zu erkennen. Oder würden Sie dabei einen Zusammenhang mit der Menstruation erkennen? Aber wenn Sie die Menstruation nicht zu einer ganz normalen Zeit im Monat machen und sich statt dessen jeden Monat ein paar Tage zurückziehen, als ob Sie krank sind, dann nutzen Sie die Gutmütigkeit Ihres Mannes tatsächlich aus. Er hat schließlich eine Vollzeitgattin geheiratet, keine Teilzeitfrau. Sie sollten deshalb jeden Tag aktiv, schwungvoll und fröhlich sein." (Northup, S. 132)

Wenn ich mir diesen Ratschlag einer Tamponfirma von vor fast sechs Jahrzehnten durchlese, bin ich einerseits nur dankbar und froh, dass sich seitdem das Mann-Frau-Gefälle in vielen Fällen stark zum Positiven verändert hat, andererseits werde ich das Gefühl nicht los, dass viele Frauen insbesondere den letzten Satz verinnerlicht haben: "Sie sollten deshalb jeden Tag aktiv, schwungvoll und fröhlich sein."


Auch hier möchte ich wieder die Frage stellen: Sollten wir das wirklich? Ist unser Selbstwert tatsächlich davon abhängig, dass wir uns ständig aktiv und attraktiv zeigen? Oder braucht es nicht viel eher den Rückzug und die Innenkehr, damit wir unser volles Potenzial leben können?

"Unsere Gesellschaft fordert ständige Aktivität, und deshalb wird das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung oft nicht berücksichtigt. Aber über den Menstruationszyklus können wir lernen, daß [sic] der Lebensprozeß [sic] das Ausatmen genauso erfordert wie das Einatmen." (Northup, S. 128)

Der Zyklus der Frau will gelebt werden. Wird dieses zyklische Auf und Ab unterdrückt, kommt es früher oder später zu einem Ungleichgewicht, das sich auf die eine oder andere Art und Weise vor, während oder nach unserer Menstruationsblutung bemerkbar macht.

Abschließend möchte ich dich dazu ermutigen, deinen Zyklus als GESCHENK zu sehen. Lerne deinen Zyklus kennen und erfahre mehr über deinen Körper! Wenn du wissen möchtest, was dir deine Menstruation über deinen Gesundheitszustand alles sagen kann, freue ich mich über eine Nachricht von dir! ;)


EnerQigeladene Grüße

Christina

Quellen:

  • Kaffka, Andrea (2012). Die Chinesische Heilkunde für Frauen. Frauenbeschwerden ganzheitlich verstehen und behandeln. Joy Verlag GmbH, Oy-Mittelberg.

  • Northup, Christiane (2001). Frauenkörper Frauenweisheit: Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können (5. Aufl.). Verlag Zabert Sandmann, München.